Der alte Geschichtenerzähler

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(Fortsetzungsgeschichte)

Der erste Tag

In der prallen Sonne saß ein Mensch am Rande eines Brunnen und erzählte von allem, was er je erlebt hatte, was er jemals hörte, von all seinen Erfahrungen und denen anderer. Doch auch von den Offenbarungen, die er in sich trug. Gierig lauschten sie den Worten, welchen er mit kurzen Pausen Gelegenheit zur Gedankenstille bot. Es war nicht seine Absicht gewesen, ihnen all dies mitzuteilen, denn bisher hatte er es für sich behalten. Anfangs saß er nur da und führte Selbstgespräche, gönnte sich zwischendurch einige Schlucke Wasser und erinnerte sich an sein bisheriges Leben. Doch irgendwann kamen einer und dann einige und schließlich immer mehr, welche sich zu ihm gesellten, um seinen Worten ihre Ohren zu schenken. Er wollte erst gehen, mit dem Bewusstsein, dass sie ihn foppen wollten, wie es in früherer Zeit oftmals geschehen, doch dann erblickte er den Glanz in ihren Augen und erkannte, dass es an der Zeit war, zu gewähren. Von nun an saß er jeden Tag am Marktbrunnen und erzählte von allem, was in ihm war. Menschen kamen und brachten Früchte zum Verzehr, die sie ihm darboten. Er nahm sie dankend an. Anfangs zückte er sein Säckchen mit den ihm verbliebenen Münzen, doch nicht einer wollte sie annehmen, denn sie zeigten mit ihrer Geste, dass sie ihm danken wollten für die Worte, denen sie lauschen durften. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Er war Teil einer Gemeinschaft geworden und sein Geschichtenerzählen zu seiner täglichen Aufgabe, welche allgemeine Beachtung fand. Eines frühen Nachmittags saß er wie nun üblich geworden am Brunnen und begann wieder eine Geschichte zu erzählen:

Der zweite Tag

Sie starb mit neunzig Jahren an einer Unterdosis Kokain. Ihr Arzt hatte ihr dazu geraten, nun endlich mit dieser anderen Welt zu brechen. Eine liebenswürdige alte Dame. Sie gab mir immer Pfefferminzkekse, wenn ich sie besuchte, hatte das Herz am rechten Fleck und hörte Fliegermusik aus so einem alten Kasten, der wie eine Gitarre aussah. Ihr Wesen war so lebendig und gar nie kränklich. Ich nehme an, dass ihr Körper das Kokain in sich trug wie andere ihren Wein tranken. Zu dieser Zeit befand ich mich auf einem Schiff und segelte entlang einer Insel. Es kamen zwei Papageien angeflogen. Wer weiß wie sie es schafften, den Weg zu mir zu finden. Sie ließen sich auf meinen beiden Schultern nieder und erzählten mir von ihrem Ableben. Tante Agatha, so nannte ich sie immer, weil sie gerne in den Krimis von Agatha Christie las, würde nicht mehr zu ihnen sprechen und sie hätten auch kein Futter mehr bekommen. Torkas und Bublis heißen die beiden. Sie wären aus Furcht vor fremder Gefangenschaft geflohen und hätten mich aufgesucht, mit dem Herzen im Sinn, bei mir bleiben zu dürfen. Ich drehte natürlich sofort um und segelte zurück. Und als ich nach einiger Zeit in jenes Dorf kam, fand ich es bestätigt. Tante Agatha war tatsächlich an einer Unterdosis Kokain verstorben. Ja, mein Junge, und seit dem haben die beiden Papageien mich begleitet. Du darfst die gerne streicheln. Sie tun dir nichts, wenn du ihnen auch nichts tust. Dennoch bleibt es auch mir ein Rätsel, wie sie das alles so sinnhaft erzählen konnten. So, nun nehme ich erstmal eine Pause und genehmige mir einen Schluck Wasser. Die Sonne lebt heute wieder ziemlich stark:

Der dritte Tag

Aaaaah, tut das gut, so ein erfrischendes kühles Nass. Tja, mein Junge, wo war ich stehen geblieben? Ach ja. Einige Tage später hatte ich ein Traumgesicht. Manche mögen dies für eine Illusion oder auch eine Halluzination halten und ich will es ihnen auch nicht ausreden, doch ich vertraue meiner Wahrnehmung. Es war nächtens als ich an Deck meines Schiffes erwachte, da erblickte ich eine Frauengestalt in weißem Gewand und flammend roten Haaren. Es erregte mich, denn ich begann mich zu fürchten. Bis dahin war ich noch nie einem Geist in dieser Dimension begegnet, doch diese Erscheinung begann zu reden und erzeigte mir, dass Furcht unnötig sei, denn sie käme mit einer Botschaft, welche ich in meinem Herzen zu bewahren hätte und nur an jene Menschen weiter reichen dürfe, deren Gesinnung sie mir zu schildern gedenke. Aufmerksam lauschte ich ihren Worten und zum Schluss verriet sie mir auch ihren Namen, den ich aber auch in meiner Brust bewahren möge. Der Geist dieser Frau muss aus früher Zeit stammen, denn ihre Botschaft war eine sehr alte. Nachdem sie verschwand, beschloss ich darüber nachzudenken und erkannte in meinem Herzen einen Entschluss. Und so reiste ich umher und bekannte all jenen meine Erfahrung und entsandte auch die Botschaft an Menschen, wie sie mir von dem Geist anvertraut wurde. Mein Alter trägt im heutigen Jahre 92 Monde und noch immer habe ich drei Menschen zu finden, an die jene Botschaft zu richten ist. Solange werde ich wohl noch unter den Menschen weilen, bis meine Aufgabe sich voll erfüllt hat. Doch manchmal wird mir das Herz etwas müde und schwer, denn in all der Zeit ist mir dieser Geist nie mehr erschienen:

Der vierte Tag

Mit verträumten Augen hatte der Alte seine Stimme gesenkt und blickte wehmütig gen Himmel, nach dem er zärtlich den Jungen verabschiedet hatte, welcher so gerne noch bei ihm geblieben wäre. Doch es dunkelte schon und seine Mutter hatte ihn mahnend angeblickt und zu verstehen gegeben, dass er ja am nächsten Morgen wieder zu ihm dürfe. Schweigend und doch erfüllt von dem Gesagten trottete Corian seiner Mutter hinterher, während eine Ahnung in seinem Herzen flutete, die er jedoch noch nicht einzuordnen wusste. Der Alte griff in eine seiner Taschen und holte einen Apfel hervor, in den er herzhaft hineinbiss, wobei er an eine längst vergangene Kultur dachte, die, so wusste er, in einer neuen Zeit wieder erwachen würde, sobald er die letzten drei Botschaften überbracht hatte. Eine Träne rückte in eines seiner Augen, weil eines der zu hütenden Geheimnisse ihn doch etwas traurig machte, wobei er das Bild eines ebenso Alten Mannes vor sich sah, wie er heute einer war. Dieser Mensch hatte einmal vor vielen Generationen gelebt als es noch mehrere Brunnen gab. Nicht dran denken, dachte er nun und rieb sich etwas energisch die Träne mit dem Ärmel ab und blickte ins Abendrot um sein Gebüt wieder besänftigen zu lassen. Dann setzte er sich wieder an den Rand des Brunnens und begann sich auf die Erinnerungen zu konzentrieren, welche er für morgen brauchen würde. Mit der Hand schöpfte er sich etwas Wasser ins Gesicht um sein Antlitz zu kühlen. Da kam eine Taube herbeigeflogen und setzte sich auf seine Schulter, was Torkas und Bublis veranlasste, sofort hinzuzusegeln um zu betrachten, wer denn da neues angekommen war. Nun lauschte der Alte dem Gespräch der Drei:

(MP [1-3] 2010 [4] 2011)





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