Die Frühlingsrolle

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Es war einmal ein Land, in dem lebte eine kleine Frühlingsrolle recht und zufrieden. Sie wurde appetitlich zubereitet und ausgewogen erzogen. Eines Tages jedoch, sie kannte bisher außer ihrem Heimatland nur Philippinen, Japan, Indonesien, Korea, Vietnam, Singapur und Thailand, wollte der Kaiser, dass sie sich auf eine weite Reise begebe. Ein Land, in dem der Frühling in den Herzen der Bewohner am meisten lebendig ist. Die kleine Frühlingsrolle ahnte nichts Böses und stimmte schließlich zu, denn wenn sie von einem Frühling zum nächsten reisen kann, würde ihre diese ferne Reise sicher nicht schaden. Doch kaum war sie angekommen, betrübte es sie sehr und fragte sich weinenden Herzens, ob ihr Kaiser sie belogen habe. Kein Frühling. Sie wusste nicht wie ihr geschah als sie in diesem fremden Land von einer Ecke in die nächste getrieben wurde. Ja, sogar als Winterrolle musste sie auftreten und es gefiel ihr gar nicht. Sie forschte nach und schrieb auch dem Kaiser nach um sich Rat zu holen, denn sie fühlte sich in ihren aufgesetzten Rollen sehr unwohl. Der Kaiser selbst konnte es kaum fassen und wusste keine Antwort als seine Getreuen loszuschicken um sie wieder heimwärts zu begleiten und die Frühlingsrolle selbst fand nicht viel heraus außer dass sich etwas magnetisches verändert habe und es deshalb keinen Frühling mehr gebe, nur verstand sie davon nichts. Etwas wehmütig freute sie sich, wenigstens wieder nach Hause zu dürfen, doch dazu kam es nicht, denn die Getreuen wurden unterwegs entführt und in ein anderes Land ausgewiesen überführt. Es blieb der kleinen Frühlingsrolle nichts anderes übrig als sich tapfer in diesem kühlen fremden Land herumzurollen. Nach einigen Jahren, sie war schon sehr betagt, kam sie sogar in ein Gefängnis und wurde eingesperrt. Im Osten dieses Landes geht zwar die Sonne auf, doch macht sie noch lange keinen Frühling. Es klopfte an der Pforte zu ihrem Verlies und ein bekanntes Gesicht lugte hervor. Es war der Alte vom langen Bart, der ihr als Baby ins Leben verholfen hatte. Er grinste spitzbübisch. Ihr Leiden wäre nun verrüber, denn er konnte entkommen und hier Unterschlupf finden, doch nur, wenn seine kleine Frühlingsrolle ihm dabei behilflich wäre. Sie fragte ihn auch sofort, ob es denn wieder Frühling gäbe und der Bart bestätigte dies. Allerdings auf eine andere Weise als die bisher bekannte. Als die kleine Frühlingsrolle nun endlich wieder einmal ihre Rolle des Frühlings übernehmen konnte, wurde sie seelig. Und dann schlief sie ein, nach einem harten Leben. Der alte Bart benannte sogar ein Restaurant nach seiner Frühlingsrolle. "Zur Frühlingsrolle" steht auf einem Schild eines Gebäudes in Erlangen zu lesen, indem asylerhaltende Landsleute des alten Bartes Aufnahme gefunden hatten. Und zum Dank für ihre guten Dienste, wurde der Frühlingsrolle ein enormes Begräbnis gegeben. Viele andere Frühlingsrollen gesellten sich ihr zu und leben bis heute glücklich und zufrieden, da sie nie wieder eine andere Rolle spielen müssen als ihre eigene: Als Frühlingsrolle die Rolle des Frühlings.


(MP 2013)




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